pasearse #6
„Dein Pavillon, das unbekannte Wesen“

Bankett und Performance im Rahmen der Ausstellung HOTEL MAYA, aggregat M31 von rasso rottenfusser und Oliver Westerbarkey im Maximilansforum München, 2022

„Dein Pavillon, das unbekannte Wesen“ – aus der Einleitung:

Der Pavillon ist also bestenfalls (wenn er seine Bestimmung ganz und gar erfüllt) ohne dauerhaft eingeschriebene Geschichte.

Der Pavillon ist also bestenfalls (wenn er seine Bestimmung ganz und gar erfüllt) ohne dauerhaft eingeschriebene Geschichte.

Man schaut aus dem Pavillon nicht hinaus wie durch ein Fenster auf die Landschaft, sondern man ist darin schon Teil der Landschaft. Man ist auch nicht im Pavillon drin und empfängt das Licht von draußen, sondern Landschaft und Licht sind bereits durchdringend da. Wir haben es mit einem Innen zu tun, das nach Außen offen ist.

Victor Hugo sagt, dass „die Architektur (...), so wie jede Schreibkunst, als ein Alphabet“ begann. Dass Bauen eigentlich Schreiben ist.

Und was beim Schreiben oft vernachlässigt wird und woran uns der Pavillon als flüchtiges Wesen durchaus erinnert, sind die Zwischenräume, zwischen den Zeilen, die von Diderot in einem Liebesbrief an Sophie Volland am 10. Juni 1759 so beschrieben werden: „Ich schreibe, ohne etwas zu sehen. Ich bin hergekommen. Ich wollte Ihnen die Hand küssen... Es ist das erste Mal, daß ich im Dunklen schreibe...., ohne zu wissen, ob ich Buchstaben bilde. Überall, wo nichts auf dem Blatt steht, sollten Sie lesen, dass ich Sie liebe.“ (In: Jaques Derrida, Aufzeichnungen eines Blinden)

Ich möchte nocheinmal daran erinnern, dass der Pavillon im heutigen Bankett den Eros im platonischen Bankett ersetzt und es deswegen nicht ganz abwegig ist, ihn als Zwischenwesen, sogar noch als Zwischendenzeilenwesen einzuführen, als Wesen, das uns nicht mit dem, was man buchstäblich wahrnimmt, sondern mit dem, was Rätsel aufgibt, verführt.

Es wird später einen Moment geben, wo wir hinübergehen zum Pavillon, um ihn wieder als reine Chiffre in Empfang zu nehmen.

In diesem Sinne kann es nicht genügend Pavillons geben, die Welt sollte übersät sein mit ihnen, wie das Firmament mit den Sternen, mit Orten, die Licht geben und zum Licht geben anregen.

„Wir sind gar nicht gemeint. Gemeint ist, was an uns Licht gibt.“ (Ilse Aichinger)

Aus Station 1 - Der Pavillon als fade Architektur
Oder: Die Quelle des festlichen Da-seins 

„Die Fadheit der Alten“, so wird zitiert, „hatte einen authentischen Geschmack: Weshalb auch hätte die große Suppe gewürzt werden sollen?“

So steht es bei Francois Jullien, der ein wunderbares Buch über das Fade in der chinesischen Kultur („Eloge de la Fadeur“) geschrieben hat. Ich bitte euch also, nehmt von dem Brot, nehmt von den verschiedenen Fetten, lasst das Fade auf euch wirken!

Es ist dabei nicht unwillkommen und auch nicht zufällig, dass Fett auch ein wunderbarer Wärmespeicher und vor allem Wärmespender ist.

„Die Tugend des Tao ist flach und fade, es gibt hier weder Klang noch Geschmack. (...) Weil kein Geschmack da ist, ist alles Vorhandene von sich aus erfreut.“ (Ruan Ji im 3. Jhd, in: Eloge de la Fadeur)

Aus Station 2 – Der Pavillon als Chautauqua und Bewusstseinssprung

Ich will hier zeigen, dass der Pavillon, vor allem dieser konkrete hier, so etwas wie eine Neukonzeption des Monolithen in Kubrick’s Space Odyssee 2001 ist, genau 21 Jahre später…

 Wir springen dann zurück in der Zeit und erinnern uns daran, dass es schon einmal eine Stadtstruktur gab, deren Zentren mehr oder weniger „gelandete“ Pavillons waren, nämlich die Plaza-Struktur bei den Maya. Hier bildete die Stadt (als ein Geflecht aus verschiedenen Plätzen) gleichzeitig auch das Firmament ab.

Der Pavillon ist immer wieder abbaubar, versetzbar und mit neuen Inhalten aufladbar. Er ist weder unzugänglich wie der Monolith, noch ist er ein schützendes Gebäude, also auch kein Polylith, sondern er ist: festlicher Unterschlupf, aber offen, keine Höhle, keine Verborgenheit - sein Schutz geht von der Offenheit aus.

In Space Odyssee landet der Monolith immer dann, wenn ein Entwicklungssprung die Menschheit voran bringt.

Der Pavillon nimmt diesen Gedanken auf, erst einmal als Utopie, als möglichen Sprung. Deswegen auch Hotel MAYA. Hier wird ein Schein, eine Möglichkeit, ein als ob dieses Sprungs quasi als Praxis zur Verfügung gestellt:

Als ob wir uns hier wirklich begegnen könnten, als ob wir hier gemeinsam wirklich etwas bewegen könnten, als ob wir später nicht nach Hause gehen würden mit dem Gedanken, ...wieder mal eine ganz netter Event... Diese Utopie ist hier gelandet. Und mit ihrer Landung natürlich auch schon teilweise verwirklicht.

Aus Station 3 – Der Pavillon als Schoß und Grab

Luigi Nonos ‚Arca’ ist, wenn man so will, eine Art umgedrehter Pavillon. Sie hat etwas von einem Kokon, von einem Grab, von einer Arche -  sie fasst die Geschichte des gefesselten Prometheus und gibt der musikalischen Verwandlung seines extremen Schicksals statt.

Wie bei er Verwandlung des Papillons ist hier die Idee der Verflüssigung des menschlichen Schicksals und seine Erneuerung auf einer leichtstofflicheren Ebene in der Musik und der Architektur verwirklicht worden.

Nono komponierte das Stück für diesen Raum, bzw. der Raum wurde für die Musik gebaut; die Musiker und Sänger waren so verteilt, dass eine Verflüssigung des Klangerlebnisses stattfinden konnte. Die Quelle der Musik war überall. Übertragen würde ich sagen, in diesem umgekehrten Pavillon verflüssigt sich das Schicksal des Prometheus und wird tatsächlich zum geflügelten Mythos, wie wir ihn kennen; zu einer überindividuellen Erinnerung, ohne die Schwere des konkreten Schicksals.

Der Pavillon als Behältnis der Verwandlung, als Pavillon/ Papillon, ist vielleicht der Anspruch, seine unsichtbare Dimension zu zeigen, seine Rhizome unter der Erde, seine Spiegelung unter die Erde auch, als Höhle, Kokon und Grab.